Das Meisterstück war ein Taubenturm


Die Geschichte der Dachdeckerfirma Wille

Die Firma "Dachdeckergeschäft und Leitergerüstbau" wurde 1889
von Friedrich Wille in der St.-Michael-Str. 43 gegründet.
Friedrichs größte Leidenschaft waren die Dächer Sudenburgs,
alle bedeutenden Sudenburger Bauten haben von ihm ein neues Dach erhalten.
1896 hat er gemeinsam mit den Dachdeckern Gustav Bondorf und Julius Vaupel
das Dach der Ambrosiuskirche repariert.
Die Kugel und das Kreuz wurden gereinigt und durch den Malermeister Georg Bohling vergoldet.
Aus Freude über das gelungene Werk soll Friedrich Wille auf dem Kreuz einen Handstand
gemacht haben, ohne Netz und doppelten Boden.
Friedrich war verheiratet mit Auguste Koecke, gemeinsam hatten sie drei Kinder - Ernst,
die Tochter Toni und Erich.
Der zukünftige Firmenerbe Ernst wurde Opfer seines Berufes, er verunglückte tödlich
beim Absturz von einem Leitergerüst.
So kam als Erbe der 1904 geborene Erich in Frage, den Meisterbrief erhielt er am
20. Oktober 1927. Sein Meisterstück, ein Taubenturm, können aufmerksame Sudenburgerinnen
und Sudenburger heute noch bewundern. Er steht auf dem Dach des Grundstücks St.-Michael-Str.
43, auch vom Ambrosiusplatz aus kann man ihn sehen. Nach seiner Meisterprüfung arbeitete
er im Betrieb des Vaters.
Als dieser 1934 starb, übernahm er die Führung und führte das Geschäft im Sinne des
Vaters weiter. Von seinen Mitarbeitern, vier Dachdeckern und drei Gerüstbauern, wurde er geachtet.
Doch dann kamen der Krieg und der Einberufungsbefehl. Seine Frau Ema, die als Mutter zweier kleiner
Töchter, Hilde wurde 1929 geboren und Marga 1936, genug um die Ohren hatte, mußte das Geschäft übernehmen.
Nach Ende des Krieges half die inzwischen 16 jährige Hilde intensiv in der Firma mit. Um einen Futterschein für das
einzig gebliebene, aber sehr geliebte Pferd zu bekommen, mußte Hilde Aufbaustunden leisten.
Viele können sich sicher heute noch errinnern, wie sie mit dem Pferdewagen geputzte Steine transportierte.
Sie fiel auch auf, denn eine Kutscherin war selten und hatte einen schweren Stand bei ihren
männlichen Kollegen. 1948 kehrte Erich aus dem Krieg zurück, der ehemals zwei Zentner schwere, stattliche Mann
war völlig abgemagert.
Als er die zerstörten Dächer "seines" Sudenburgs sah, krempelte er aber sofort die Ärmel hoch und baute die Firma
wieder auf.
Für Magdeburgs bedeutende Kulturbauten wie das AMO, die Lichtspieltheater oder den Kristallpalas, stellte er
Leitergerüste zur Verfügung
und reparierte Dächer. Doch das Material war knapp und für private Firmen gab es keine staatlichen Unterstützungen.
Und so wurde Erich Wille mehr oder weniger gezwungen, mit drei anderen Meistern 1957 eine PGH zu bilden.
Sitz der PGH war die St.-Michael-Str. 43, ihr Leiter wurde Erich Wille. Doch es gab Unstimmigkeiten, Mitarbeiter, die
viel jünger waren, ollten dem Chef in die Arbeit reinreden. Entäuscht verließ Erich Wille Mitte der 60er Jahre die PGH,
doch er hatte sie ständig auf seinem Hof vor Augen, ein bitterer Umstand.
1972 starb er. Seine Tochter Hilde Wille lebt heute mit ihrem Lebensgefährten auf dem elterlichen Grundstück,
auch ihre Schwester ist Sudenburg treu geblieben.